Das Verkosten des Weins ist, technisch betrachtet, ein nüchterner Vorgang. Es geht darum, Aussehen, Duft und Geschmack des Weins zu analysieren und danach zu einem Gesamturteil über den Wein zu kommen. Für den Genießer ist weinverkosten etwas ganz anderes. Er will nicht analysieren. Er will sich vom Wein forttragen, sich in seine Geheimnisse einweihen lassen. Für ihn beginnt der Genuß mit dem Leuchten der Farbe und dem Anblick der Schlieren, die am Glasrand herablaufen. Und er endet lange, nachdem der Wein durch den Hals gelaufen ist. “Wer genießen kann, trinkt keinen Wein mehr, sondern kostet Geheimnisse”, formulierte der spanische Maler Salvador Dalí. Natürlich ist auch der Kopf am Weingenuß beteiligt. Das Wissen um die Herkunft des Weins, die Kenntnis der Besonderheiten eines Jahrgangs, die Fähigkeit, komplexe Geschmackseindrücke aus der Erinnerung mit anderen Eindrücken zu vergleichen – all das gehört zu einer lustvollen und intelligenten Weinverkostung dazu. “Im Wein geht ein Stück von der Seele des Landes, aus dem er kommt, auf den über, der ihn trinkt”, sagte einmal der verstorbene italienische Winzer Giacomo Bologna. |